Datenbroker: Wer Verkauft Ihre Daten und Wie Sie Sich Schützen
Jeden Tag werden Milliarden persönlicher Datensätze zwischen Unternehmen gehandelt – oft ohne Ihr Wissen. Datenbroker sind die unsichtbaren Akteure hinter diesem Milliardengeschäft. Sie sammeln Informationen über Ihr Kaufverhalten, Ihren Gesundheitszustand, Ihre politischen Ansichten und sogar Ihre Standortdaten – und verkaufen diese an den Höchstbietenden.
In diesem umfassenden Leitfaden erfahren Sie, wer diese Datenhändler sind, wie sie an Ihre Daten gelangen, welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten und – am wichtigsten – wie Sie sich wirksam schützen können.
Was sind Datenbroker?
Datenbroker (auch Datenhändler oder Data Broker genannt) sind Unternehmen, die persönliche Informationen von Millionen von Menschen sammeln, aggregieren, analysieren und weiterverkaufen. Sie arbeiten meist im Hintergrund und haben in der Regel keinen direkten Kundenkontakt zu den Personen, deren Daten sie verwerten.
Die weltweite Datenbroker-Industrie wird auf über 250 Milliarden US-Dollar geschätzt und wächst jährlich zweistellig. Allein in den USA gibt es mehr als 4.000 aktive Datenbroker – in Europa und der Schweiz ist die Branche zwar kleiner, aber ebenso aktiv.
Wie unterscheiden sich Datenbroker von normalen Unternehmen?
Im Gegensatz zu Firmen wie Amazon oder Google, bei denen Sie zumindest bewusst ein Konto anlegen, sammeln Datenbroker Informationen über Sie, ohne dass Sie jemals mit ihnen interagiert haben. Ihre Datenprofile entstehen aus dutzenden Quellen – kombiniert zu erstaunlich präzisen Personenprofilen.
Die größten Datenbroker weltweit
Der Markt für Personendaten wird von einigen wenigen Riesen dominiert. Hier ein Überblick der wichtigsten Akteure:
| Unternehmen | Hauptsitz | Geschäftsbereich | Datensätze (geschätzt) |
|---|---|---|---|
| Acxiom (LiveRamp) | USA | Marketing, Konsumentenprofile | 2,5 Milliarden |
| Experian | Irland/USA | Bonität, Marketing | 1,3 Milliarden |
| Equifax | USA | Kreditauskunft | 820 Millionen |
| Oracle Data Cloud | USA | Werbetechnologie | 5 Milliarden |
| Schufa | Deutschland | Kreditbewertung | 68 Millionen |
| CRIF | Italien/Deutschland | Bonität, Wirtschaftsauskunft | 1 Milliarde |
| Bisnode (Dun & Bradstreet) | Schweden | Business-Daten | 500 Millionen |
Deutsche Datenbroker im Detail
In Deutschland ist die Schufa der bekannteste Datenhändler, doch sie ist bei weitem nicht der einzige. Weitere wichtige Akteure sind:
- Creditreform: Wirtschaftsauskunftei mit Fokus auf Unternehmensdaten
- Bürgel Wirtschaftsinformationen: Bonitätsprüfung für Privatpersonen und Firmen
- infoscore Consumer Data: Tochter des Otto-Konzerns, Konsumentendaten
- Deltavista: Adress- und Bonitätsdaten
- AZ Direct (Bertelsmann): Marketing-Daten und Adresslisten
Welche Daten werden gehandelt?
Datenbroker sammeln praktisch alles, was digital erfassbar ist. Die Bandbreite reicht von harmlosen demografischen Angaben bis zu hochsensiblen Informationen.
Grundlegende Datenkategorien
- Identifikationsdaten: Name, Adresse, Geburtsdatum, Telefonnummer, E-Mail
- Finanzdaten: Einkommen, Kreditwürdigkeit, Vermögensverhältnisse, Zahlungsverhalten
- Konsumverhalten: Einkaufsgewohnheiten, Marken-Präferenzen, Online-Käufe
- Demografische Merkmale: Familienstand, Kinder, Beruf, Bildung
- Gesundheitsdaten: Krankheiten, Medikamenteneinnahme, Fitness-Tracker-Daten
- Standortdaten: Bewegungsprofile aus Apps, WLAN-Verbindungen, GPS
- Verhaltensdaten: Politische Ansichten, Hobbys, Interessen, Beziehungsstatus
- Digitale Fußabdrücke: Browserverlauf, Social-Media-Aktivitäten, App-Nutzung
Besonders sensible Datenprofile
Erschreckend ist, wie detailliert manche Profile werden. Recherchen der New York Times und des BR haben gezeigt, dass Datenbroker Kategorien wie "finanziell verzweifelt", "kürzlich verwitwet", "an Depressionen leidend" oder "Trump-Wähler" führen und verkaufen. Diese Segmentierungen können für Diskriminierung, gezielte Manipulation oder Betrug missbraucht werden.
Woher stammen die Daten?
Datenbroker beziehen ihre Informationen aus einem verzweigten Netzwerk von Quellen. Die meisten davon sind völlig legal – aber selten transparent.
Die wichtigsten Datenquellen
- Öffentliche Register: Handelsregister, Grundbuch, Melderegister, Insolvenzverzeichnisse
- Kundenkarten und Bonusprogramme: Payback, DeutschlandCard, Miles & More
- Gewinnspiele und Umfragen: Häufig reine Datensammel-Kampagnen
- Cookies und Tracking-Pixel: Auf nahezu jeder kommerziellen Website
- Mobile Apps: Vor allem kostenlose Apps mit weitreichenden Berechtigungen
- Soziale Netzwerke: Facebook, Instagram, LinkedIn, TikTok
- Kreditkarten- und Bankdaten: Anonymisierte Transaktionsdaten werden verkauft
- Datenpannen: Aus Leaks stammende Daten landen auf Schwarzmärkten
- Andere Datenbroker: Datenhändler kaufen und verkaufen untereinander
Die Rolle von "kostenlosen" Diensten
Das alte Sprichwort gilt mehr denn je: Wenn ein Dienst kostenlos ist, sind Sie das Produkt. Kostenlose Wetter-Apps, Taschenlampen-Apps oder Spiele finanzieren sich häufig durch den Verkauf Ihrer Standort- und Nutzungsdaten an Broker.
Wie wird mit Ihren Daten Geld verdient?
Das Geschäftsmodell der Datenbroker ist vielfältig. Die drei Hauptumsatzströme sind:
1. Zielgerichtete Werbung
Werbetreibende zahlen Premiumpreise für präzise Zielgruppen. Ein Autohersteller möchte etwa Menschen erreichen, deren Leasing in 3 Monaten ausläuft und die im letzten Jahr eine Gehaltserhöhung hatten. Datenbroker liefern genau diese Segmente.
2. Risikobewertung
Banken, Versicherungen und Vermieter kaufen Daten, um Kreditwürdigkeit, Betrugsrisiken oder Mietschuldnerprofile einzuschätzen. Die Schufa ist das klassische Beispiel dafür.
3. Personensuche und Ermittlung
Behörden, Detektive, Anwaltskanzleien und Privatpersonen suchen Menschen – und Datenbroker verkaufen ihnen die Antworten. In den USA gibt es hierfür ganze Portale wie Spokeo oder BeenVerified.
Rechtliche Situation in Deutschland und der EU
Die DSGVO gilt weltweit als eines der strengsten Datenschutzgesetze. Sie gibt Ihnen weitreichende Rechte gegenüber Datenbrokern – die Sie aktiv einfordern müssen.
Ihre Rechte nach der DSGVO
- Artikel 15 – Auskunftsrecht: Sie können bei jedem Unternehmen erfragen, welche Daten es über Sie speichert
- Artikel 16 – Berichtigung: Falsche Daten müssen korrigiert werden
- Artikel 17 – Recht auf Löschung: Das "Recht auf Vergessenwerden"
- Artikel 18 – Einschränkung der Verarbeitung: Nutzung Ihrer Daten kann eingeschränkt werden
- Artikel 20 – Datenübertragbarkeit: Sie können Ihre Daten exportieren lassen
- Artikel 21 – Widerspruchsrecht: Besonders wichtig gegen Direktmarketing
Die Rolle der Aufsichtsbehörden
Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) sowie die Landesdatenschutzbehörden können Beschwerden nachgehen und Bußgelder verhängen. Im Jahr 2019 verhängte die BfDI ein Bußgeld von 9,55 Millionen Euro gegen 1&1 wegen unzureichender Datensicherheit. Auch Datenbroker wurden bereits sanktioniert.
Für Schweizer Nutzer gilt ergänzend das revidierte Datenschutzgesetz. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Artikel DSG: Das Schweizer Datenschutzgesetz einfach erklärt.
Wie erkennen Sie, ob Ihre Daten gehandelt werden?
Anzeichen dafür, dass Ihre Daten in Umlauf sind, gibt es viele:
- Ungebetene Werbeanrufe: Besonders von Unternehmen, mit denen Sie nie Kontakt hatten
- Personalisierte Spam-E-Mails: Mit korrekten Angaben zu Alter, Beruf oder Wohnort
- Werbebriefe mit falscher Schreibweise Ihres Namens: Verrät oft die Quelle
- Auftauchen in Personensuchmaschinen: Testen Sie Ihren Namen bei Diensten wie Yasni
- Suspicious Selbstauskunft: Fordern Sie bei der Schufa und anderen Auskunfteien Ihre Datenkopie an
So schützen Sie sich vor Datenbrokern
Der Kampf gegen die Datensammel-Industrie erscheint überwältigend, aber mit den richtigen Strategien können Sie Ihren digitalen Fußabdruck erheblich verkleinern.
Sofort umsetzbare Maßnahmen
- Widerspruch nach Art. 21 DSGVO: Schreiben Sie an alle relevanten Datenbroker und widersprechen Sie der Datenverarbeitung
- Robinson-Liste eintragen: Kostenlose Sperrliste gegen unerwünschte Werbung
- Cookies restriktiv verwalten: Nur essenzielle Cookies akzeptieren
- App-Berechtigungen prüfen: Standort, Kontakte, Mikrofon nur bei Bedarf freigeben
- Alternative Suchmaschinen nutzen: DuckDuckGo, Startpage oder Ecosia statt Google
- Privatsphäre-orientierte Browser: Brave oder Firefox mit strengen Einstellungen
- Verschlüsseltes DNS aktivieren: Verhindert Tracking auf Netzwerkebene
URL-Kürzung als Schutzmaßnahme
Ein oft übersehener Aspekt: Wenn Sie Links teilen, verraten diese oft persönliche Informationen oder ermöglichen Tracking. Datenschutzfreundliche URL-Kürzer wie Lunyb anonymisieren Links, ohne selbst massiv Daten zu sammeln. Das ist besonders wichtig für Journalisten, Aktivisten und alle, die ihre Online-Kommunikation schützen möchten. Einen ausführlichen Vergleich finden Sie in unserem Test der besten URL-Kürzungsdienste 2026.
Aktives Entfernen aus Datenbroker-Datenbanken
Das systematische Löschen Ihrer Daten aus den großen Broker-Datenbanken ist zeitaufwendig, aber wirksam. Eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Anleitung finden Sie in unserem Ratgeber Persönliche Daten von Datenhändlern entfernen.
Vor- und Nachteile der Datenbroker-Industrie
Vorteile (aus Sicht der Wirtschaft)
- Effizientere Werbung reduziert Streuverluste
- Betrugsprävention durch Risikobewertung
- Personalisierte Angebote und Empfehlungen
- Wirtschaftliche Wertschöpfung und Arbeitsplätze
- Statistische Erkenntnisse für Forschung und Politik
Nachteile (aus Sicht der Betroffenen)
- Verlust der Kontrolle über eigene Daten
- Diskriminierungspotenzial bei Krediten und Versicherungen
- Manipulationsrisiko durch mikrogezielte Werbung
- Datenpannen führen zu Identitätsdiebstahl
- Chilling Effect: Selbstzensur aus Angst vor Überwachung
- Preisdiskriminierung basierend auf Profildaten
- Undurchsichtige Algorithmen entscheiden über Lebenschancen
Datenbroker und Unternehmen: Compliance-Pflichten
Auch wenn Sie ein Unternehmen führen, sollten Sie das Thema ernst nehmen – nicht nur als Betroffener, sondern auch als potenzieller Weitergeber von Kundendaten. Der Kauf von Adresslisten oder Marketing-Daten von Brokern kann zu erheblichen Bußgeldern führen, wenn keine gültige Einwilligung der Betroffenen vorliegt.
Weiterführende Informationen zu Datenschutzpflichten finden Sie in unserem Leitfaden zum Datenschutz für Schweizer Unternehmen 2026.
Ausblick: Die Zukunft der Datenbroker-Industrie
Die Datenbroker-Branche steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Mehrere Trends zeichnen sich ab:
- Regulatorischer Druck steigt: Kalifornien, Vermont und Texas haben Datenbroker-Registerpflichten eingeführt. Die EU diskutiert ähnliche Maßnahmen.
- Ende der Third-Party-Cookies: Google Chrome folgt Safari und Firefox – Tracking wird schwieriger.
- KI-basierte Profilerstellung: Weniger Daten reichen für präzisere Profile durch maschinelles Lernen.
- Zero-Party-Data-Modelle: Unternehmen setzen zunehmend auf freiwillig gegebene Daten.
- Wachsendes Datenschutzbewusstsein: Immer mehr Menschen nutzen Privatsphäre-Tools.
Fazit: Nehmen Sie Ihre Datenhoheit zurück
Datenbroker sind ein mächtiger, aber nicht unbesiegbarer Gegner. Mit Wissen um Ihre Rechte, konsequenter Nutzung datenschutzfreundlicher Tools und aktivem Widerspruch gegen die Datenverarbeitung können Sie Ihren digitalen Fußabdruck erheblich reduzieren. Der Aufwand lohnt sich – nicht nur für Ihre Privatsphäre, sondern auch für Ihre finanzielle Sicherheit und Ihre gesellschaftliche Autonomie.
Beginnen Sie noch heute: Prüfen Sie Ihre wichtigsten Konten auf Datenschutzeinstellungen, senden Sie Auskunftsersuchen an die großen deutschen Auskunfteien und nutzen Sie beim nächsten Link-Teilen einen datenschutzfreundlichen Dienst. Jede Handlung zählt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist der Handel mit Personendaten in Deutschland legal?
Ja, der Handel mit Personendaten ist grundsätzlich legal, sofern die DSGVO eingehalten wird. Datenbroker benötigen entweder Ihre Einwilligung oder ein berechtigtes Interesse nach Art. 6 DSGVO. In der Praxis stützen sich viele Broker auf "berechtigtes Interesse" – diese Auslegung ist jedoch umstritten und wird zunehmend gerichtlich geprüft.
Wie erfahre ich, welche Datenbroker meine Daten haben?
Sie können bei bekannten Datenbrokern wie Schufa, Creditreform, Bürgel und infoscore kostenlose Selbstauskünfte nach Art. 15 DSGVO anfordern. Diese müssen Ihnen mitteilen, welche Daten sie über Sie gespeichert haben und woher diese stammen. Nutzen Sie Vorlagen von Datenschutzbehörden oder Verbraucherzentralen für Ihre Anfrage.
Was kostet es, Daten von einem Broker löschen zu lassen?
Die Löschung ist gesetzlich kostenfrei. Datenbroker müssen Ihrem Löschantrag nach Art. 17 DSGVO nachkommen, sofern keine gesetzlichen Aufbewahrungspflichten entgegenstehen. Bei Bonitätsauskünften wie der Schufa gelten allerdings Sonderregelungen mit festen Speicherfristen von in der Regel drei Jahren.
Können Datenbroker meine Bankdaten sehen?
Direkt nicht, aber indirekt schon. Banken selbst verkaufen keine identifizierbaren Kontodaten. Allerdings gibt es einen Markt für anonymisierte Transaktionsdaten von Zahlungsdienstleistern und Kreditkartenanbietern. Diese "anonymisierten" Daten lassen sich mit anderen Datenpunkten oft re-identifizieren, was ein wachsendes Datenschutzproblem darstellt.
Hilft ein privatsphärefreundlicher Browser gegen Datenbroker?
Ja, ein Browser mit striktem Tracking-Schutz wie Brave, Firefox mit Enhanced Tracking Protection oder Tor reduziert das Datensammeln erheblich. Kombiniert mit verschlüsseltem DNS, einem Werbeblocker und dem konsequenten Ablehnen nicht-essenzieller Cookies können Sie den Datenfluss zu Brokern deutlich einschränken. Vollständig verhindern lässt sich Tracking allerdings nicht.
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