facebook-pixel

Recht auf Vergessenwerden: So Stellen Sie den Antrag Korrekt

L
Lunyb Sicherheitsteam
··8 min read

Das Internet vergisst nichts – diesen Satz haben Sie sicher schon oft gehört. Doch seit Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) im Jahr 2018 stimmt das nicht mehr uneingeschränkt. Mit dem Recht auf Vergessenwerden nach Artikel 17 DSGVO haben Sie als Bürgerin oder Bürger der Europäischen Union einen rechtlich durchsetzbaren Anspruch darauf, dass personenbezogene Daten über Sie gelöscht werden. In diesem umfassenden Leitfaden erfahren Sie, wie Sie einen Antrag auf Vergessenwerden korrekt stellen, welche Voraussetzungen gelten und was Sie tun können, wenn Ihr Antrag abgelehnt wird.

Was ist das Recht auf Vergessenwerden?

Das Recht auf Vergessenwerden ist ein in Artikel 17 der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verankertes Recht, das es Betroffenen ermöglicht, von Verantwortlichen die unverzügliche Löschung ihrer personenbezogenen Daten zu verlangen. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung des klassischen Löschrechts und wurde maßgeblich durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) im Fall "Google Spain" aus dem Jahr 2014 geprägt.

Konkret bedeutet dies: Sie können verlangen, dass Suchmaschinen wie Google oder Bing bestimmte Links zu Ihrer Person aus den Suchergebnissen entfernen. Ebenso können Sie von Website-Betreibern, Unternehmen oder Behörden die Löschung Ihrer Daten fordern – vorausgesetzt, die rechtlichen Voraussetzungen sind erfüllt.

Rechtliche Grundlagen in Deutschland

In Deutschland wird das Recht auf Vergessenwerden durch mehrere Rechtsquellen gestützt:

  • Art. 17 DSGVO – Hauptrechtsgrundlage auf europäischer Ebene
  • Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) – Ergänzende nationale Regelungen
  • Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG – Allgemeines Persönlichkeitsrecht
  • Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts – "Recht auf Vergessenwerden I und II" (2019)

Wann besteht ein Anspruch auf Löschung?

Nicht jeder Antrag auf Vergessenwerden ist erfolgreich. Artikel 17 DSGVO nennt sechs konkrete Gründe, bei denen ein Löschungsanspruch besteht:

  1. Zweckerreichung: Die Daten sind für die Zwecke, für die sie erhoben wurden, nicht mehr notwendig.
  2. Widerruf der Einwilligung: Sie haben Ihre Einwilligung widerrufen und es fehlt an einer anderweitigen Rechtsgrundlage.
  3. Widerspruch: Sie legen Widerspruch gegen die Verarbeitung ein und es liegen keine vorrangigen berechtigten Gründe vor.
  4. Unrechtmäßige Verarbeitung: Die Daten wurden unrechtmäßig verarbeitet.
  5. Rechtliche Verpflichtung: Eine Löschung ist zur Erfüllung einer rechtlichen Verpflichtung erforderlich.
  6. Daten von Kindern: Die Daten wurden in Bezug auf angebotene Dienste der Informationsgesellschaft bei einem Kind erhoben.

Wann besteht kein Löschungsanspruch?

Das Recht auf Vergessenwerden ist nicht absolut. Es gibt wichtige Ausnahmen nach Art. 17 Abs. 3 DSGVO, bei denen eine Löschung verweigert werden kann:

  • Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerung und Information
  • Erfüllung rechtlicher Verpflichtungen (z.B. steuerrechtliche Aufbewahrungspflichten)
  • Öffentliches Interesse im Bereich der öffentlichen Gesundheit
  • Archivzwecke, wissenschaftliche oder historische Forschungszwecke
  • Geltendmachung, Ausübung oder Verteidigung von Rechtsansprüchen

Schritt-für-Schritt: So stellen Sie den Antrag

Ein erfolgreicher Antrag auf Vergessenwerden folgt einem klaren Ablauf. Nachfolgend finden Sie eine praxiserprobte Anleitung:

Schritt 1: Verantwortlichen identifizieren

Bevor Sie einen Antrag stellen können, müssen Sie den richtigen Adressaten finden. Im Impressum der Website oder in der Datenschutzerklärung finden Sie den Verantwortlichen und oft auch die Kontaktdaten des Datenschutzbeauftragten. Bei Suchmaschinen richten Sie den Antrag direkt an den Betreiber.

Schritt 2: Betroffene Daten dokumentieren

Sammeln Sie präzise Informationen zu den Daten, die gelöscht werden sollen:

  • Exakte URLs der betroffenen Seiten
  • Screenshots als Beweismittel
  • Datum der Veröffentlichung (falls bekannt)
  • Konkrete Textpassagen oder Bilder

Schritt 3: Antrag formulieren

Der Antrag sollte folgende Elemente enthalten:

  1. Ihre vollständigen Kontaktdaten
  2. Klare Bezeichnung des Antrags ("Antrag auf Löschung nach Art. 17 DSGVO")
  3. Konkrete Benennung der zu löschenden Daten
  4. Begründung mit Verweis auf den einschlägigen Löschgrund
  5. Fristsetzung (üblich: 30 Tage)
  6. Identitätsnachweis (Kopie des Personalausweises mit geschwärzten nicht-relevanten Daten)

Schritt 4: Antrag versenden und Frist überwachen

Senden Sie den Antrag nachweisbar – idealerweise per Einschreiben mit Rückschein oder E-Mail mit Lesebestätigung. Der Verantwortliche muss nach Art. 12 Abs. 3 DSGVO innerhalb eines Monats reagieren. In komplexen Fällen kann diese Frist um weitere zwei Monate verlängert werden.

Mustertext für Ihren Antrag

Nachfolgend finden Sie einen Mustertext, den Sie an Ihre Situation anpassen können:

Betreff: Antrag auf Löschung personenbezogener Daten gemäß Art. 17 DSGVO

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit mache ich mein Recht auf Löschung meiner personenbezogenen Daten gemäß Art. 17 DSGVO geltend.

Folgende Daten/Inhalte betreffen mich und sollen gelöscht werden:
[Konkrete URL / Beschreibung der Inhalte]

Die Löschung ist aus folgendem Grund gerechtfertigt:
[Begründung, z.B.: Die Daten sind für die ursprünglichen Zwecke nicht mehr erforderlich / Ich widerrufe hiermit meine Einwilligung / etc.]

Bitte bestätigen Sie mir die Löschung schriftlich innerhalb der gesetzlichen Frist von einem Monat gemäß Art. 12 Abs. 3 DSGVO.

Zur Identifikation füge ich eine Kopie meines Personalausweises bei (nicht benötigte Daten wurden geschwärzt).

Mit freundlichen Grüßen
[Ihr Name, Datum, Unterschrift]

Antrag bei Google und anderen Suchmaschinen

Suchmaschinenbetreiber haben spezielle Formulare für Löschanträge eingerichtet. Hier eine Übersicht der wichtigsten Anlaufstellen:

Suchmaschine Antragsweg Durchschnittliche Bearbeitungszeit
Google Online-Formular "Antrag auf Entfernung von Inhalten" 2-6 Wochen
Bing (Microsoft) Online-Formular "Request to Block Bing Search Results" 3-8 Wochen
DuckDuckGo E-Mail an Datenschutzkontakt 4-6 Wochen
Yahoo Online-Formular Privacy Dashboard 4-8 Wochen

Besonderheit bei Suchmaschinen: Interessenabwägung

Suchmaschinenbetreiber führen bei jedem Antrag eine Interessenabwägung durch. Dabei werden Ihre Datenschutzinteressen gegen das öffentliche Informationsinteresse abgewogen. Berücksichtigt werden unter anderem:

  • Ihre Rolle im öffentlichen Leben (Person des öffentlichen Lebens vs. Privatperson)
  • Art der Information (sensible Daten vs. berufliche Informationen)
  • Alter der Information
  • Quelle und Kontext der Veröffentlichung
  • Aktualität und Richtigkeit der Daten

Was tun bei Ablehnung des Antrags?

Wenn Ihr Antrag abgelehnt wird oder gar nicht beantwortet wird, stehen Ihnen mehrere Optionen zur Verfügung:

Option 1: Beschwerde beim Verantwortlichen

Fordern Sie zunächst eine detaillierte Begründung der Ablehnung an. Oft lassen sich durch weitere Argumente oder zusätzliche Nachweise doch noch Ergebnisse erzielen.

Option 2: Aufsichtsbehörde einschalten

Sie können kostenlos Beschwerde bei der zuständigen Datenschutzaufsichtsbehörde einreichen. Zuständig ist die Behörde des Bundeslandes, in dem der Verantwortliche seinen Sitz hat. Für bundesweit tätige Unternehmen und Suchmaschinen ist häufig der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) oder die Landesdatenschutzbehörde zuständig.

Option 3: Zivilrechtliche Klage

Als letzter Schritt bleibt der Rechtsweg. Sie können vor dem zuständigen Zivilgericht auf Löschung klagen. Zudem kommen Schadensersatzansprüche nach Art. 82 DSGVO in Betracht – immaterielle Schäden werden von deutschen Gerichten zunehmend anerkannt.

Besondere Konstellationen

Negative Presseberichte und Online-Archive

Bei Presseberichten gilt eine besondere Abwägung. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinen Entscheidungen "Recht auf Vergessenwerden I und II" (2019) festgelegt, dass auch nach vielen Jahren noch ein Recht auf Nichtmehrkonfrontation mit vergangenen Taten bestehen kann. Besonders relevant ist dies bei:

  • Alten Strafverfahren nach verbüßter Strafe
  • Jugendsünden
  • Fehlerhaften oder einseitigen Berichten

Soziale Netzwerke

Bei Facebook, Instagram, X (Twitter) oder TikTok nutzen Sie die internen Meldewege. Diese Plattformen haben spezielle Datenschutz-Teams, die Löschanträge nach DSGVO bearbeiten.

Berufliche Plattformen

Bei XING, LinkedIn oder Bewertungsportalen wie Kununu und Jameda gelten besondere Regeln. Hier überwiegt oft das Informationsinteresse der Nutzer, insbesondere bei Personen mit Außenwirkung.

Prävention: Daten gar nicht erst preisgeben

Der beste Schutz vor unerwünschten Datenveröffentlichungen ist, bestimmte Daten gar nicht erst zu teilen oder sie zu minimieren. Hier einige praktische Tipps:

  • Datenminimierung: Geben Sie nur die wirklich notwendigen Daten an
  • Pseudonyme nutzen: In Foren und sozialen Netzwerken, wo möglich
  • Privatsphäre-Einstellungen: Regelmäßig in allen Diensten überprüfen
  • Sichere Linkverkürzung: Verwenden Sie datenschutzfreundliche Dienste wie Lunyb, wenn Sie Links teilen – so vermeiden Sie zusätzliches Tracking
  • Regelmäßige Selbstrecherche: Googeln Sie Ihren eigenen Namen alle paar Monate

Wer regelmäßig Links teilt, sollte auf Anbieter achten, die keine umfangreichen Nutzerprofile anlegen. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in unserem Artikel Lunyb vs Bitly: Der große Vergleich 2026.

Entwicklungen 2026: KI und Vergessenwerden

Mit dem Aufkommen generativer KI-Systeme stellen sich neue Herausforderungen für das Recht auf Vergessenwerden. Große Sprachmodelle wurden mit riesigen Datenmengen trainiert – darunter oft auch personenbezogene Daten. Die Frage, wie diese "vergessen" werden können, beschäftigt Gerichte und Aufsichtsbehörden zunehmend. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Beitrag KI und Datenschutz 2026: Was sich mit dem AI Act ändert.

Kosten und Aufwand

Grundsätzlich ist die Geltendmachung des Rechts auf Vergessenwerden kostenfrei. Nur bei offensichtlich unbegründeten oder exzessiven Anträgen darf der Verantwortliche eine angemessene Gebühr erheben oder die Bearbeitung verweigern (Art. 12 Abs. 5 DSGVO).

Falls Sie anwaltliche Hilfe in Anspruch nehmen möchten, variieren die Kosten je nach Komplexität des Falls. Bei Rechtsschutzversicherungen ist der Datenschutzbereich oft mitabgedeckt – prüfen Sie Ihre Police.

Fazit: Ihr Recht aktiv nutzen

Das Recht auf Vergessenwerden ist ein mächtiges Instrument zum Schutz Ihrer Privatsphäre im digitalen Zeitalter. Mit der richtigen Vorbereitung, präzisen Anträgen und Kenntnis der rechtlichen Grundlagen können Sie Ihre Daten effektiv schützen. Scheuen Sie nicht davor zurück, Ihre Rechte geltend zu machen – die DSGVO wurde geschaffen, um Sie zu stärken.

Wichtig ist dabei, realistische Erwartungen zu haben: Nicht jeder Antrag wird erfolgreich sein, und bei Konflikten mit dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit kann eine Interessenabwägung gegen Sie ausgehen. Bei komplexen Fällen – insbesondere bei Presseberichten oder öffentlichen Debatten – kann professionelle Rechtsberatung sinnvoll sein.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie lange dauert die Bearbeitung eines Antrags auf Vergessenwerden?

Nach Art. 12 Abs. 3 DSGVO muss der Verantwortliche innerhalb von einem Monat auf Ihren Antrag reagieren. In komplexen Fällen kann diese Frist um weitere zwei Monate verlängert werden, worüber Sie allerdings informiert werden müssen. Bei Suchmaschinen dauert die Bearbeitung in der Praxis oft 2 bis 8 Wochen.

Muss ich meinen Antrag begründen?

Grundsätzlich sollten Sie Ihren Antrag begründen und auf den einschlägigen Löschgrund nach Art. 17 Abs. 1 DSGVO verweisen. Eine schlüssige Begründung erhöht die Erfolgsaussichten erheblich. Je konkreter Sie darlegen, warum die Verarbeitung nicht mehr gerechtfertigt ist, desto besser.

Kann ich auch Daten löschen lassen, die ich selbst online gestellt habe?

Ja, auch für selbst veröffentlichte Daten gilt das Recht auf Vergessenwerden. Besonders häufig greift hier der Widerruf der ursprünglich erteilten Einwilligung (Art. 17 Abs. 1 lit. b DSGVO). Beachten Sie jedoch, dass Dritte, die Ihre Inhalte geteilt oder archiviert haben, separat angeschrieben werden müssen.

Was kostet es, wenn ich einen Anwalt einschalte?

Die Kosten richten sich nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) und dem Streitwert. Bei einfachen Fällen bewegen sich die Kosten für ein erstes Beratungsgespräch bei etwa 190 Euro netto. Komplexere Verfahren können deutlich teurer werden. Viele Datenschutzaufsichtsbehörden bieten jedoch kostenlose Beratung an.

Kann ich einen Antrag auch anonym stellen?

Nein, ein anonymer Antrag ist nicht möglich. Der Verantwortliche muss Ihre Identität zweifelsfrei feststellen können, um sicherzustellen, dass tatsächlich Ihre Daten gelöscht werden. Üblich ist die Vorlage einer Ausweiskopie, wobei Sie nicht benötigte Informationen (z.B. Seriennummer, Zugangsnummer) schwärzen dürfen und sollten.

Protect your links with Lunyb

Create secure, trackable short links and QR codes in seconds.

Get Started Free

Related Articles